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Liebeslyrik Interpretation Beispiel Essay

Seit hat sich in Baden-Württemberg die Deutschprüfung im Abitur geändert. Es sind drei neue Aufgabentypen dabei:

  1. Gedicht oder Gedichtvergleich
  2. Interpretation der drei Pflichtlektüren oder Vergleich
  3. Interpretation von Kurzprosa
  4. Essay
  5. Analyse und Erörterung von pragmatischen Texten

Das Oberthema der Gedichte lautet: &#;Natur und Mensch vom Sturm und Drang bis zur Gegenwart&#;.

Die drei Pflichtlektüren sind: &#;Dantons Tod&#; von Georg Büchner, &#;Homo faber&#; von Max Frisch und &#;Agnes&#; von Peter Stamm.

Unter dem Begriff Kurzprosa versteht man nicht nur Kurzgeschichten, sondern auch sonstige kurze Texte wie Fabeln, Parabeln, Märchen, Kalendergeschichten und Anekdoten. Auf Abiturniveau werden die vermutlich ziemlich gepfeffert sein.

Der Essay ist ein zweischneidiges Ding: Einerseits gibt es so gut wie keine Regeln, ganz im Gegensatz zu Interpretationen und Erörterungen, andererseits muss man für diese Aufgabe praktisch Schriftsteller-Qualitäten haben.

Die &#;Analyse und Erörterung von pragmatischen Texten&#; hat gegenüber der &#;Analyse und Eröterung nicht-fiktionaler Texte&#; nur eine geringe Änderung erfahren. Beide Bezeichnungen beziehen sich auf Sachtexte, also vor allem Zeitungsartikel, Vorträge, Reden usw. Früher konnte man statt der Erörterung auch eine Gestaltungs-Teilaufgabe wählen, das ist nun nicht mehr möglich.

Posted in Abitur, Informationen & Wissen.






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ZUM "CANZONIERE" IM ITALIENISCHEN ORIGINAL, MIT ÜBERTRAGUNGEN UND ÜBERSETZUNGEN INS DEUTSCHE
  


SEITENINHALT

Leben, Werk und Nachleben: "Il Canzoniere" und die Ordnung der Dinge - Petrarca und das Europa der Nationen - Petrarkismus und europäische Identität - Das Vierte Reich - Latinitas und Volgare - Werkzäsuren - Summa und Fragment - Bedeutung für die Nachwelt - Biographie - Verortung - Portrait - Familie - Dichterkrönung - Gründungsmythen moderner Subjektivität - Zölibat und Selbstverwirklichung - Renaissance - Zeitalter des Lichtes - Inquisition - Petrarca als Prophet - Petrarkismus - Übersetzungen - Du Bellays Petrarkismus - Neuhumanismus - Zweiter Petrarkismus - Anti-Petrarkismus - Marquis de Sade - Petrarca und die Familie de Sade - Liebe, Leid und Lorbeer - Donna Laura - Das lyrische Ich, ruiniert - Frauen-Körper-Bilder - Dichtung und Wahrheit - Bürgerliche Emanzipation - Petrarca politico - Der verkannte/verschwiegene Petrarca - Zensur und Copyright - Petrarca und das Grundeinkommen - Simsen und twittern - Identitätskonstruktion - Probleme deutscher Petrarca-Übersetzungen - Der männliche Blick - Weiblicher Petrarkismus/Vittoria Colonna - Sizilianische Dichterschule - Provenzalischer Minnesang - Arabische Liebeslyrik - Motiventsprechungen bei Petrarca - Ibn-Hazm Al-Andalusi, "Halsband der Taube" - Friedrich Rückerts Hamasa-Übersetzung - Epikureismus - Rousseaus "Bekenntnisse" - Im Zeichen des Saturn

Personen, Orte, Motive und Themen: Cino da Pistoia - Giovanni Boccaccio - Karl IV. - Clemens VI. - Cola di Rienzo - Die Familie der Colonna - Petrarcas Katze - Vaucluse - Avignon - Rom - Antike Mythologie - Christentum - Ehe und Sexualität - Sinnlichkeit und Begehren - Sexualmoral - Alter und Tod - Natur - Ökologie - Medizin - Verwandlung - Redewendungen - Lauras Name - Lauras Stern(e) - Zahlen und Daten - Zeitalterlehre

Werke, Briefsammlungen: Il Canzoniere - Africa - Secretum meum - De vita solitaria - De remediis utriusque fortunae - Familiares - Seniles - Sine nomine

Einzelne Briefe: An Francesco Dionigi - An Luca Cristiani vier Briefe im Mai - An die Florentiner - An Ludwig van Kempen - An Karl IV. /51 - An Francesco Nelli - An den Sohn Giovanni  - An Guido Sette vermutlich - An Giovanni Dondi - Brief an die Nachwelt /71 - An Francesco Carrara

Interpretationen zu Texten aus dem "Canzoniere" finden Sie auf einer Unterseite dieses Angebotes.



KURZESSAYS ZU LEBEN, WERK UND NACHLEBEN



Petrarcas Gedichtezyklus "Il Canzoniere" und die Ordnung der Dinge

"Francisci Petrarch(a)e laureati poeta(e) rerum vulgarium fragmenta" lautete der ursprüngliche Titel der Sammlung von Gedichten, die der Liebe Petrarcas zu einer geheimnisvollen "Laura" gewidmet sind. Die Gedichte, vorwiegend Sonette, sind im "Volgare" verfasst, im Italienischen der Zeit. Erst von den Petrarkisten des Jahrhunderts wurde die Sammlung als "Canzoniere" bezeichnet, als "Buch der Lieder" also, wie der Titel einer erschienenen Gedichte-Sammlung von Heinrich Heine lautet. Petrarca grenzte seine Liebeslyrik im selbstgewählten Titel, durchaus mit abwertendem Beiton, von seinen sonstigen litararischen Arbeiten ab, die er überwiegend auf Latein verfasste. Die Abwertung enthält jedoch zugleich auch eine Aufwertung, denn immerhin hält er die "banalen Dinge" für würdig, in komplexen Gedichtformen gefasst zu werden. Und Petrarca hat den "Fragmenta" einen Gutteil seiner Zeit von bis zu seinem Tode gewidmet.

, das war das Jahr der ersten Begegnung mit "Laura", der fernen Geliebten, die "Il Canzoniere" als zentrale Figur bestimmt. Dabei geht es im Canzoniere nur vordergründig um die unerfüllte Liebe zu einer verheirateten, hochstehenden Dame - wie es die Verbindung zur provencalischen Minnelyrik und wie auch der Textcorpus selbst zunächst nahelegen. Vielmehr geht es um einen neuen Versuch, "die Dinge" - wozu auch ganz zentral Empfindungen gehören - in eine neue Ordnung zu bringen, nachdem die "Ordo" der mittelalterlich-christlichen Welt zunehmend in Frage gestellt ist. In eine Ordnung, die gerade durch Vorläufigkeit, durch Bruchstückhaftigkeit gekennzeichnet ist. Die aber auch entschieden, man mag es zwanghaft nennen, reimend und rhythmisierend durchzuspielen sucht, was die Welt noch zusammenhält: Gestaltungsfreude und Gestaltungswille. Eine Epoche, in der sprachliche Gestaltung breitenwirksam nur noch im Kalauer wird, darf sich davor ohne Gesichtsverlust respektvoll verneigen.

Es ist bezeichnend, dass Petrarca sich für seinen "banalen" Weltentwurf einer vorgegebenen Rahmenordnung unterwirft, der Zahl der Tage eines Schaltjahres, des Jahres - das seine Auszeichnung durch einen Tod erhält, durch den Tod jener Frau, jener "Laura", die diese Welt ausgesprochen am Laufen hält, diese Welt aus Gedichten, diesen Kosmos als Fragment. Petrarcas "Ordnung der Dinge" ist so wenig banal wie jedes menschliche Leben, das so lange "Fragment" bleibt, wie es dauert - und das darin bedeutsam ist. Am Ende von "Secretum meum" bezeichnet Petrarca als Aufgabe "sparsa anime fragmenta recolligam": "Ich will so sehr bei mir sein, wie ich es vermag, die zerstreuten Teile meiner Seele sammeln und mich bemühen, bei mir zu bleiben."

Mit seiner Ordnung trägt Petrarca wesentlich bei zu jenem Lauf der "episteme der abendländischen Kultur" (Foucault, Ordnung, , S. 25), dessen Diskontinuitäten Michel Foucault in "Les mots et les choses" aufgedeckt hat.






Petrarca und das Europa der Nationen

Petrarca war Europäer. Und er hatte als aufgeklärter Intellektueller seiner Zeit auch keine andere Wahl. Die Alternative wäre gewesen, sich den Rangeleien einflussreicher Familien zu unterwerfen, die in Italien jeweils um die Vorherrschaft in ihrer Stadt und ihrer Region kämpften, und das hieß primär: um wirtschaftliche Einflusssphären. Francesco Petrarca war Anhänger starker Vernetzungsideen wie Papsttum oder Kaiserreich, wobei seine Sympathien eher einem religiös gestützten Kaiserreich als einem verweltlichten Papsttum galten. Daneben war er Republikaner, ein Kaiserreich sollte für ihn lediglich einen sicheren Rahmen für nationale Souveränität garantieren, keine totale Zentralmacht installieren. So erklärt sich auch seine Sympathie für den Aufstand von Cola di Rienzo, der eine Einigung Italiens auf republikanischer Basis anstrebte.

Seine politschen Ansichten hat Petrarca in seinen Schriften, vor allem in seinen Briefen, u.a. an Kaiser Karl IV. und Cola di Rienzo, dargelegt. Für Irritation sorgt in diesem Kontext seine Canzone "Italia mia" (Canzoniere CXXVIII), geschrieben /45 vermutlich in Parma, als gerade verschiedene Familien aus Mailand, Mantua, Verona und Padua um die Herrschaft dort kämpften. In dieser Canzone schlägt Petrarca einen vor dem historischen Hintergrund etwas grotesk anmutenden nationalistischen Ton an, der vor allem aus der Front gegen eine "tedesca rabbia" seine Energie bezieht, die sich auch vom gallischen Mythos Caesars nährt. Dabei handelte es sich bei den als Negativfolie herhaltenden Deutschen um Söldner in den Diensten der italienischen Familien, keineswegs um ein deutsches Besatzungsheer. Der angestrengte Ton Petrarcas verliert allerdings deutlich an Gewicht, wenn wir ihn etwa mit den flammenden Sonetten gegen das Papsttum in Avignon, den sogenannten "Babylonischen Sonetten" (Canzoniere CXIV sowie CXXXVI, CXXXVII, CXXXVIII) vergleichen.

Implizite enthält die Canzone "Italia mia" auch die Drohung Petrarcas, im Falle eines Versagens der italienischen Herrscherfamilien könne "die deutsche Wut" ("la tedesca rabbia") von nördlich der Alpen sich Italiens bemächtigen. Eine sehr machtbewusst vorgetragene Drohung, besonders aufschlussreich vor dem Hintergrund, dass Petrarca einige Jahre später (zuerst in einem Brief von ), gemeinsam mit di Rienzo, große Hoffnungen auf Kaiser Karl IV. setzt, die Einigung Italiens voranzutreiben. Im übrigen in Nachfolge Dantes, der an Heinrich den VII. ("Dantes Kaiser") mit ähnlichem Anliegen sich gewandt hatte. In der romanistischen Sekundärliteratur sind diese Themen ausführlich entwickelt. Besonders empfehlenswert (wenn auch nicht in allen Gehalten nachvollziehbar) ist die unten genannte Studie von Karlheinz Stierle, Emeritius der Universität Konstanz.

Petrarca unterstützte eindeutig die Idee der auf Karl den Großen zurückgehenden "Renovatio Imperii" Heinrichs des VII. und übertrug sie auf dessen Enkel Karl IV., wonach das römische Reich seine Fortsetzung in einem Reich mit nach Norden verschobenem Schwerpunkt finde, das die Reichsidee der islamischen Einflusssphäre entzieht. Was zugleich die Idee der "Translatio" aufgreift.

Lektüreempfehlung: Karlheinz Stierle, Francesco Petrarca. Ein Intellektueller im Europa des Jahrhunderts, Hanser



Petrarkismus und europäische Identität

Nicht nur die politischen Äußerungen Petrarcas, auch seine Dichtung, insbesondere der Canzoniere, werden in der kulturhistorischen Forschung als Beitrag zur Entwicklung eines europäischen Bewusstseins aufgefasst. Und dabei keineswegs in ihren einzelnen Inhalten - die sind vielmehr teilweise höchst umstritten. So wird seine Canzone "Italia mia" mit ihrer Polemik gegen die "tedesca rabbia" bisweilen geradezu als Ausdruck einer antieuropäisch-nationalistischen Haltung gedeutet.

Nein, die Gesamtanlage, das Projekt "Rerum vulgarium fragmenta" per se sei es, was das europäische Bewusstsein befördert habe, und an den Gehalten dieses Projektes nicht die speziellen politischen, sondern vielmehr die allgemeinen, auf die Befindlichkeiten eines unerfüllt Liebenden, Zerrissenen ausgerichteten Gehalte. Als Beleg dafür wird der Petrarkismus genommen, der von den Höfen in der Poebene und dem Hof von Neapel ausgehend im Jahrhundert die europäischen Höfe erfasst habe. Petrarca sei dabei, so die These von Michael Bernsen, deswegen rezipiert und imitiert worden, weil er eine Antwort auf die Probleme der neuzeitlichen europäischen Subjektivität bereit gehalten habe. "Petrarca stilisiert sich als eine Autorität, die die Fragmentarik des Daseins und die Brüchigkeit des Subjekts in Form einer Biographie zu fassen vermag." (Bernsen/Huss , S. 18)

Eine gewisse Zirkelschlüssigkeit ist dabei nicht zu übersehen. Einerseits zeige der Petrarkismus, dass Petrarcas Werk einem unterstellten europäischen Bewusstsein entsprach, andererseits soll der Petrarkismus dieses Bewusstsein erst entscheidend befördert haben. Was methodisch in erhebliche Beweisnöte führt. Bernsen geht noch einen Schritt weiter und konstruiert aus dem Petrarkismus den Beleg für ein spezifisch europäisches Bekenntnis zur 'Einheit in der Vielheit', die "Selbstdistanzierung und Betrachtung des Ichs aus wechselnden Perspektiven beinhaltet". Dem stellt er das amerikanische Projekt eines "homo economicus" gegenüber, das die "Einheit multipler Identitäten" auf das "self-empowerment des Subjekts" verenge (ebd. S. 27).

Einmal abgesehen davon, dass der Antipetrarkismus damit vollständig unterschlagen wird und Polemiken wie die Shakespeares eine fast schon antieuropäische Dimension bekommen (die ironische Frage sei erlaubt: sollten die Briten am Ende Shakespeares Petrarca-Polemik wegen nicht in der Euro-Zone sein?), ist die Gedankenführung durchaus anregend - und sie weist darauf hin, dass der Petrarkismus ein Thema ist, das noch einigen Stoff für die Beschäftigung mit europäischer Identität bereit hält.

Lektüreempfehlung: Michael Bernsen/Bernhard Huss (Hrsg.), Der Petrarkismus - ein europäischer Gründungsmythos, Bonn University Press





Petrarca und das Vierte Reich

Im September veröffentlichen Vittorio Feltri ("Il Giornale") und Gennaro Sangiuliano (TG1 - RAI) "Il Quarto Reich", mit dem Untertitel "Come la Germania ha sottomesso l'Europa". Darin machen sie den Schuldigen für die aktuelle Misere Italiens aus: Den Euro und die deutsche (Wirtschafts-)Politik. Einen ähnlichen Tenor hatte bereits ein Beitrag in der Berlusconi-Zeitung "Il Giornale" vom August , Autor: Alessandro Sallusti. Die Titelvorlage stammt von Heleno Saña Alcon "Das vierte Reich. Deutschlands später Sieg". Zur Debatte gehört auch die Idee eines "Lateinischen Reiches", seit Ende des Jahrhunderts erörtert und dann von Alexandre Kojève zunächst in einem Memorandum an Charles de Gaulle und dann in seinem Werk gleichen Titels als "L'Empire latin" ausformuliert. Wiederbelebt wurde diese Idee von Giorgio Agamben in seinem Beitrag "Se un impero latino prendesse forma nel'cuore d’Europa" für die Tageszeitung La Repubblica.

Im polemischen Furor erinnert die aktuelle italienische Europa-Debatte an Petrarcas Canzone "Italia mia" (Canzoniere CXXVIII), in welcher vor den Barbaren aus dem Norden gewarnt wird, der "tedesca rabbia". Damals waren die deutschen Barbaren Söldner im Dienste einander befehdender italienischer Familien, heute seien italienische Interessen gefährdet durch die deutsche Euro-Politik. Zu erinnern ist daran, dass die Euro-Einführung von der italienischen Politik einst erkämpft wurde (Helmut Kohl und Romani Prodi ignorierten gemeinsam die Risiken eines Beitritts durch die extreme Überschuldung Italiens) und dass die europäische Kassenpolitik seit dem 1. November durch einen Italiener bestimmt wird. Zu Petrarcas Zeiten war die italienische Misere wesentlich durch inneritalienische Fehden vorangetrieben, heute ist sie dies durch Mafiaaktivitäten, den Berlusconismo und Modernisierungsverschleppung. Nepotismus, Korruption und fehlende Haushaltsdisziplin kann beiden Systemen vorgehalten werden. Wobei damals wie heute auch großräumige Handelsentwicklungen eine ganz entscheidende Rolle spiel(t)en, die nicht in regionaler/nationaler Verantwortung liegen - und die damals dann ein Jahrhundert nach Petrarca zum gewaltigen Reichtum zahlreicher italienischer Stadtstaaten führten. Eine Entwicklung, die allerdings im Jahrhundert nicht zu erwarten ist.

Der Politologe Gian Enrico Rusconi hat zum Staatsbesuch von Joachim Gauck Anfang Dezember etwas sanftere Töne angeschlagen, die an Petrarcas Aufforderungen an Karl IV. erinnern, Italiens Probleme durch sein Eingreifen zu lösen. Gewiss nicht, wie bei Petrarca, durch unmittelbare Intervention, sondern als freundlicher "Gesprächspartner", der die eigenen Wirtschaftsinteressen hinter das "Gemeinwohl" - eine neue Formulierung der Reichsidee Petrarcas - zurückstelle.



Das Werk - Latinitas und Volgare

Petrarcas Werk wird von ihm selbst und auch in der Forschung streng geschieden in den lateinischen und den italienischen ("volkssprachlich", in "Volgare" geschrieben) Teil. Dabei ist der italienische Teil volumenbezogen erheblich kleiner, umfasst lediglich das lyrische Werk des "Canzoniere" und der "Trionfi". Petrarca selbst hat diesen Teil stets abgewertet und seine lateinischen Schriften (wozu auch seine umfangreiche Korrespondenz gehört) als sein eigentliches Verdienst angesehen.

Aus heutiger Sicht ist dieses Urteil schwer zu halten. Die Zeitgenossen haben zwar vor allem das lateinische Werk "Africa" geschätzt, doch schon für die unmittelbare Nachwelt wurde der "Canzoniere" wichtiger. Und dieser hat letztlich Petrarcas bis heute andauernden Ruhm begründet. Seine lateinischen Schriften sind überwiegend moralphilosophischer Art und speisen sich wesentlich aus der Fortschreibung antiker Vorbilder, mit wenig eigenständigem Gehalt. Petrarca selbst sah sich allerdings gerade in diesen Schriften als Vorbild und Menschheitslehrer, im Anschluss an Augustinus. Die Moralphilosophie bezeichnet er in seinem "Brief an die Nachwelt" als "heilige Wissenschaft", in der er, direkt zitiert, "eine verborgene Süßigkeit verspürte, die ich früher verachtet hatte". Sicherlich hat er damit zum allgemeinen humanistischen Diskurs beigetragen, und "De remediis utriusque forunae" war (im Deutschen als "Trostspiegel") vom bis zum Jahrhundert eines der meistgelesenen Bücher in Europa. Ab wurde Petrarca zur Leitfigur des deutschen Humanismus und sein lateinisches Werk im deutschsprachigen Bereich intensiver rezipiert als anderswo in Europa.

Die Poesie wird für den älteren Petrarca der Moralphilosophie gegenüber zum "schönen Zeitvertreib". Dies erinnert an Goethes Einschätzung, seine Farbenlehre sei von weit erheblicherem Wert als seine poetische Leistung. Allerdings war Petrarcas moralphilosophisches Engagement auch insofern bedeutend, als er einschlägiges antikes Schrifttum in Mengen kopieren ließ und zu dessen Erhalt wesentlich mit beitrug. Sein Biograph de Sade sah sein Verdienst in dieser Hinsicht sogar als bedeutender an als den Beitrag der aus Konstantinopel bei der Eroberung durch die Osmanen geflohenen Griechen.

Petrarcas Bevorzugung des Latein wird heute gerne verstanden als Bemühen, das gesprochene Italienisch durch die Schulung am Latein zu läutern. Es gab allerdings auch einen ganz handfesten Grund: Latein wurde in den deutschen, französischen und italienischen Landen und Städten gleichermaßen verstanden und geschrieben, in Prag und Paris ebenso wie in Rom und Avignon, von Kaiser Karl IV., König Philipp IV. und Cola di Rienzo ebenso wie von den Colonna und den Visconti.





Werkzäsuren

Zwei Zäsuren prägen das Werk Petrarcas. Einmal die Dichterkrönung , zum anderen die Sichtung seiner Schriften im Gefolge des Pestjahres , vermutlich zum Jahreswechsel / Die Dichterkrönung ist ein antiker Brauch, der an Dichterwettstreite gebunden war und mit einem Lorbeerkranz als Symbol erfolgte. Im Hochmittelalter wurde diese Sitte wieder aufgenommen und diente unter anderem zur kulturellen Selbstverständigung und Bestätigung der Latinitas und zur symbolischen Stabilisierung kaiserlicher Herrschaftsansprüche, die sich in die Tradition des römischen Reiches stellten. Diese Dichterkrönung bedeutete für Petrarca auch eine Entscheidung für denjenigen Bereich seines Werkes, der ihm diese Ehre eingebracht hatte, den lateinischen, politisch-moralisch orientierten. Insbesondere die bereits bekannten Teile von "Africa" haben den Autor für diese Ehrung empfohlen. Sie wurde ihm gleichzeitig von Paris und Neapel/Rom angeboten. Seine Entscheidung für das italienische Angebot (wobei anzumerken ist, dass der damalige König von Neapel ein Anjou war, dem französischen Königshof spannungsvoll verbunden) - er lebte damals wohlgemerkt im unmittelbaren Einflussbereich des französischen Königshofes in Avignon - war zugleich eine Entscheidung für seine Idee eines italienischen Nationalstaates, die noch einige Jahrhunderte auf ihre Erfüllung warten musste.

Die Sichtung seiner Schriften schildert Petrarca in einem Brief vom Januar an den Freund Socrates (Ludwig van Kempen). Dabei fielen nach Petrarcas Bekenntnis etliche Briefe und poetische Erzeugnisse ("wohl tausend oder mehr") den Flammen zum Opfer. Doch brachte diese Sichtung auch ein Bekenntnis zu seinem poetischen Schaffen insofern, als er hier vermutlich die Sammlung von Gedichten begründete, die später - von den Petrarkisten des Jahrhunderts so benannt - "Canzoniere" heißten sollte. Zugleich begründete diese Sichtung sein Projekt, auch Sammlungen seiner Briefe zu erstellen. Im Gefolge entstanden dann zunächst die Sammlungen "Familiares" und "Sine nomine", im Alter "Seniles". bekam Petrarca die konfiszierten Familiengüter zurück, was diesen Einschnitt um auch lebensgeschichtlich unterstreicht.



Summa und Fragment

Das Zeitalter der Renaissance wird auch dadurch charakterisiert, dass nun keine "Summa" mehr möglich sei, keine Weltordnung auf der Basis des christlichen Weltverständnisses. Die letzte "Summa" hat Thomas von Acquin abgeliefert, seine "Summa theologica" ist durch das Adjektiv nicht eingeschränkt, sondern lediglich expliziert. In der Renaissance übernimmt es das Bankwesen, noch Summen zu formulieren. Das Rechnungswesen des Kapitalismus tritt auch kulturell an die Stelle der Kirche. Die Geschlechtertürme in Florenz und andernorts dokumentieren, was die Stunde geschlagen hat: Das neue Individuum ordnet sich nur noch Verrechnungssystemen unter, Fehden, Akkumulationen und Umverteilungen.

Petrarca war ein Meister der Sammlungen. Was Boccaccio zeitgleich für den Bereich der Erzählungen mit seinem "Decamerone" leistet, leistet Petrarca für seine Briefe, seine Gedichte, seine moralphilosophischen Schriften. Den "Canzoniere" betitelte er selbst als "Francisci Petrarch(a)e laureati poeta(e) rerum vulgarium fragmenta".

Das Fragment ist eigentliches Strukturmuster seiner Arbeit, keine seiner Schriften ist ein einem Zug entstanden, zeigt ein auch nur annähernd so klares kulturgeprägtes Strukturprinzip wie etwa die "Divina comedia" seines literaturgeschichtlichen Vorgängers Dante. Was den Canzoniere strukturiert sind die Vorgaben des Kalenders und der Tod Lauras. Texte umfasst diese Sammlung, entsprechend den Tagen des Schaltjahres , in welchem Laura stirbt. Die einzige erkennbare Binnengliederung ist die Zweiteilung in "In vita di Madonna Laura" und "In morte di Madonna Laura" - wobei die beiden Benennungen von den Herausgebern gesetzt wurden.

Nur einmal hat Petrarca sich erkennbar um eine Summa bemüht, zum Ende seines Lebens in seinem "Brief an die Nachwelt", in welchem er versucht, sein eigenes Leben erzählend zusammenzufassen, zu ordnen und zu rechtfertigen. Ein Schlaganfall brach diese letzte Summa ab, gekommen war der Autor bis zum Jahr So endet sein Lebensüberblick im Jahr nach seinem Versuch, das eigene Schrifttum zu ordnen, über welchen er in einem Brief an den Freund Socrates vom Januar Rechenschaft ablegt.





Bedeutung

Petrarcas Bedeutung für die Nachwelt liegt rezeptionsgeschichtlich zum einen in seinem Canzoniere begründet, der ein eigenes, über Jahrhunderte andauerndes literarisches Anregungssystem begründete, den Petrarkismus (mit einer Nebenlinie als "Anti-Petrarkismus"). Dieser hat die kulturelle Ausbildung der Neuzeit, der bürgerlichen Subjektivität und der europäischen Lyrik in kaum zu überschätzender Weise geprägt. Kein anderer Autor hatte vergleichbaren Einfluss, zumindest nicht in der Masse des in seiner Nachfolge Produzierten.

Durch die unmittelbare Einwirkung auf die intellektuelle und politische Elite seiner Zeit haben allerdings auch seine lateinischen Schriften, seine Briefe und sein Epos "Africa" im Besonderen, einen signifikanten, aber schwer abzuschätzenden Einfluss gehabt. Seine moralphilosophischen Schriften, gleichfalls in Latein abgefasst, sind in der Bedeutung umstritten. Hanns Eppelsheimer schreibt in seiner Darstellung zu "Leben und Werk des Francesco Petrarca" dazu: "Weitschweifig und nicht immer aufrichtig meditiert er über Weltfreude und Weltverachtung, Leidenschaft und Vernunft, wenig fruchtbar für ihn wie für uns, im einzelnen oft rührend, im ganzen verdrießlich, weil man hier dem Wüten einer fehlgehenden reichen Natur gegen sich selber beiwohnen soll."

Allerdings hat er in diesen Schriften auch antikes Bildungsgut weitergetragen. Und in der Barockzeit waren seine moralphilosophischen Schriften weit verbreitet. In der deutschen Petrarca-Rezeption, die im Jahrhundert einsetzte, wurden vor allem seine Briefe und der moralphilosophische Text "De remediis utriusque forunae" (dt. als "Trostspiegel in Glück und Unglück") vervielfältigt. Sein "Trostspiegel" war vom bis zum Jahrhundert eines der meistgelesenen Bücher in Europa. Allerdings findet sich sein Name in den Briefen des Erasmus von Rotterdam lediglich einmal, und zwar gemeinsam mit den Namen fünf weiterer italienischer Autoren, die er als Beispiele dafür nennt, dass man ein großer Autor im Lateinischen sein kann, ohne perfekt in lateinischer Stilistik zu sein.

Einer seiner engagiertesten Biographen, Jacques François Paul Aldonce de Sade (Abbé de Sade), Onkel des durch seine erotische Schriften bekannt gewordenen Marquis de Sade, bezeichnet im ersten Band seiner sechsbändigen Biographie in Petrarcas Tradierung antiken Schrifttums einen wichtigeren Beitrag zur Bewahrung des antiken Erbes als durch die bei der Eroberung Konstantinopels geflohenen Griechen - was sicherlich übertrieben ist. Doch Petrarca hat nicht nur Handschriften gesammelt und erhalten (etwa den berühmten Codex Ambrosianus), sondern auch selbst durch seine Schreiber Handschriften reproduzieren lassen.

In seinem Brief an die Nachwelt von /71 bekennt Petrarca: "Meine geistigen Fähigkeiten führten mich eher zu ruhiger Betrachtung als zu scharfer Polemik." Man mag darin auch Selbststilisierung im Alter lesen, aber es ist doch ein Hinweis darauf, dass er auch selbst seine intellektuelle Leistung eher im Zusammentragen von Ideen als in der Formulierung neuer Ideen sah.



Petrarcas Biographie

Francesco Petrarca wurde am Juli in Arezzo geboren, im Sternzeichen Krebs, dem überschwängliche Gefühle nachgesagt werden. Der Vater Petracco di Parenzo war aus politischen Gründen aus Florenz verbannt worden und lebte mit der Familie im Exil. /12 zog die Familie mit Francesco und seinem jüngeren Bruder Gherardo ( geboren) in die Provence, nach Avignon. Die Mutter Eletta aus der hoch angesehenen Familie Canigiani starb dort , mit 38 Jahren, der Vater , Petrarca selbst in Arquà bei Padua

Der Vater war Notar und Parteigänger des Papstes Clemens V, der seine Residenz von Rom nach Avignon verlegte, und arbeitete in Avignon bei der päpstlichen Kurie. Die Streitigkeiten um die Residenz des Papstes, hinter der Machtkämpfe zwischen römischen Adelsfamilien, dem römischen Königstum, dem französischen Hof und anderen Interessengruppen standen, haben das Leben und die intellektuelle Orientierung Petrarcas wesentlich geprägt. Petrarca war Anhänger eines starken, humanistisch geprägten römischen Kaisertums, um die Adelsherrschaft in Rom zu beenden und eine neue liberal-bürgerliche, "republikanische" Ordnung der Stadt zu ermöglichen.

starb der Vater, was Petrarca dazu veranlasste, sein ungeliebtes Jurastudium in Bologna (das er nur dem Vater folgend begonnen hatte) abzubrechen und nach Avignon zurückzukehren, wo er bald in finanzielle Schwierigkeiten geriet, die er aber dank verschiedener Gönner vor allem aus der mächtigen römischen Familie der Colonna (deren junge Generation er z.T. in Bologna kennen gelernt hatte), die ihm zu Kirchenämtern und anderen Einnahmequellen verhalfen, lösen konnte. Ein Jahr später begegnete der junge Privatier, der sich leidenschaftlich dem Handschriftensammeln widmete, seiner "Laura", die in der Gedichtesammlung "Il Canzoniere" die Hauptrolle spielt. Nach seinem Bericht fand die Begegnung am 6. April statt, einem Karfreitag, kalendarisch war allerdings Ostermontag, in der Kirche St. Clara in Avignon. Es handelt sich vermutlich um eine wirkliche Begegnung mit Laura de Noves (), seit (nach anderen Angaben ) Ehefrau des Grafen Ugo/Hugues de Sade, Ahnin des Marquis de Sade. Nach Petrarcas Zeugnis starb Laura am 6. April an der Pest.

Am April bestieg Petrarca seinem eigenen Bericht zufolge (der nicht unumstritten ist, siehe die Untersuchungen von Giuseppe Billanovich, veröffentlicht ) zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Gherardo den Mont Ventoux nordöstlich von Avignon. Ein Ereignis, das damals keineswegs selbstverständlich war. Niemand stieg auf einen Berg, wenn er dazu nicht gezwungen war - etwa durch entlaufene Ziegen. Der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt sah in dieser Besteigung eines der Schlüsselereignisse der Renaissance, die Entdeckung der Landschaft als ästhetisches Erlebnis - in gewissem Sinne die Erfindung des Alpinismus: "Vollständig und mit größter Entschiedenheit bezeugt dann Petrarca, einer der frühsten völlig modernen Menschen, die Bedeutung der Landschaft für die erregbare Seele." (Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien, Fischer , S. ). Petrarca empfand wohl selbst einen Rechtfertigungsbedarf für diese im damaligen Zeitverständnis "sinnlose" Handlung und berichtet, dass er die "Bekenntnisse" des Augustinus mit sich geführt habe. Seine Gipfelerfahrung schließt er mit einem Augustinus-Zitat: "Da gehen die Menschen, die Höhe der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres () und verlieren dabei sich selber."

Am 1. September wurde Petrarca zeitgleich von Rom und Paris die Dichterkrönung angeboten. Er entschied sich für Rom, wo die Zeremonie dann am 8. April auf dem Kapitolsplatz vollzogen wurde. Im Gefolge erhielt er weitere Pfründe, so ein Kanonikat am Dom zu Parma und das Kanonikat des Hl. Jakobus an der Kathedrale von Padua.

Vermutlich wurde Petrarcas unehelicher Sohn Giovanni geboren, der in Mailand an der Pest starb. Den spärlichen Zeugnissen zufolge wuchs der Sohn unter der - meist indirekten - Obhut Petrarcas auf. Um wurde gleichfalls unehelich die Tochter Francesca geboren. , nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt, übersiedelte Petrarca auf sein Landgut in Arquà bei Padua. folgten ihm dorthin seine Tocher und ihr Mann Francescuolo da Brossano mit Enkelin Eletta. Petrarca starb in Arquà am Juli





Petrarcas Verortung

Hier ist nicht die literaturhistorische oder sonstig geistesgeschichtliche Verortung Petrarcas gemeint, sondern ganz konkret seine Verortung in Städten, Landschaften, Ländern, gemeint sind seine Wohn- und Reiseorte als Teil seiner Biographie.

Petrarca hat sich selbst oft als Wanderer beschrieben, den das Schicksal von Ort zu Ort getrieben habe, der aber auch selbst immer wieder neue Orte aufsuchte, "um nach Art der Kranken durch Ortsveränderung den Lebensüberdruß zu heilen/studio more egrorum loci mutatione tediis consulendi", wie er im "Brief an die Nachwelt" bekennt.

Der "Brief an die Nachwelt" zählt nacheinander als Lebensorte bis auf: Arezzo, Ancisa bei Florenz, Pisa, Avignon, Carpentras, Montpellier, Bologna, Avignon, Vaucluse, Parma, Verona, Vaucluse, Padua, Vaucluse. Nach lebte Petrarca zunächst weiter in Vaucluse bis , dann in Mailand, in Padua, in Venedig, wechselnd in Padua und Pavia und schließlich die letzten vier Jahre bis zu seinem Tod in seinem Haus in Arquà. Die ersten zwölf Lebensjahre verbrachte Petrarca mit den Eltern an fünf verschiedenen Wohnorten. Als Erwachsener hatte er lediglich bis einen auf Dauer angelegten Wohnsitz in Vaucluse, den er allerdings immer wieder auch auf längere Zeit verließ, so und Als er sich in seinem Haus in Arquà niederließ, war er bereits von schwerer Krankheit gezeichnet.

Reisen unternahm Petrarca u.a. nach Paris, Köln, Rom und Neapel. Ferner mehrere Reisen durch Italien. Nicht immer ist klar zwischen Reise und Aufenthaltswechsel zu unterscheiden, da Petrarca die meiste Zeit seines Lebens keinen nennenswerten eigenen Haushalt führte, sondern gleichsam aus dem Koffer lebte - einem gut bestückten Koffer allerdings. So verfügt er in seinem Testament über seine Pferde mit dem bemerkenswerten Beisatz, "falls ich zur Zeit meines Todes welche haben werde".

Wir sollten uns hüten, vorschnell von "moderner" Mobilität zu sprechen. Die Oberschicht war im ausgehenden Mittelalter in ganz Europa zuhause, Venedig war in Handelsbeziehungen und Lebensstil eine Metropole der Globalisierung, die keine Erfindung der Gegenwart ist.




Petrarca-Portrait

Abbildungen Petrarcas zeigen ein konzentriertes, bisweilen melancholisch wirkendes Gesicht mit Ansätzen guter Ernährung. Die ihm nachgesagte Körpergröße von 1,84 Meter lässt sich auf keiner Abbildung verifizieren, eher eine kleine bis durchschnittliche Körpergröße. Eine wissenschaftlich begründete Graböffnung erbrachte lediglich, dass im Grab ein unvollständiges männliches Skelett mit einem weiblichen Schädel lag. Sein Biograph de Sade (ein Nachkomme der Laura de Sade) nennt ihn einen der schönsten Männer seiner Zeit, dem die Frauen von Avignon nachgestiegen seien. Die existierenden Abbildungen ergeben allerdings auch hierzu ein eher unklares Bild. Streicht man die zu unterstellenden positiven Stilisierungen weg, findet sich keine Bestätigung für de Sades Behauptung. Petrarca selbst beschreibt sich in seinem Brief an die Nachwelt durchaus verhalten: "Mein Körper war in der Jugend nicht allzu kräftig, aber von großer Gewandtheit, mein Aussehen nicht hervorragend schön, aber so, dass ich in jungen Jahren gefallen konnte." Seine robuste Verdauung preist er noch in einem Brief an den Freund und Arzt Giovanni Dondi vom November Dass der Dichter (bei aller Polemik gegen Luxus, Völlerei und Verschwendung) gutes Essen schätzte, darauf verweist das 9. Sonett des Canzoniere, Text IX, wo er den Trüffel rühmt:


e non pur quel che s’apre a noi di fore,
le rive e i colli, di fioretti adorna,
ma dentro, dove già mai non s’aggiorna,
gravido fa di se il terrestro umore;

onde tal frutto e simile si colga.


Francesco Petrarca, der scharfsichtige bürgerliche Intellektuelle mit demokratischen Idealen? Petrarca, der ewig schmachtende unglücklich Liebende, der sich im Glasperlenspiel der Lyrik verliert? Petrarca, der Genussmensch, der seine Pfründen verprasst? Petrarca der Einzelgänger, Asket und Moralprediger? Der zur Freundschaft Begabte, der mit einander verfeindeten Parteien gleichermaßen gut sich stellte? Petrarca der Heimatlose, der im steten Unterwegssein das Programm einer selbstbestimmten Humanität erarbeitet? Wie auch immer dies: Ein Mensch der Frührenaissance, der gerade in seiner offenkundigen Unbestimmtheit dem Jahrhundert, das die Gipfelung und Auflösung der in der Renaissance begründeten Ordnung der Handels- und Finanzwelt erlebt, einiges zu sagen hat.

Lektüreempfehlung: Joachim Küpper, Petrarca: Das Schweigen der Veritas und die Worte des Dichters, Berlin/New York: de Gruyter,






Petrarcas Familie

Nur wenig wissen wir über die Familie Petrarcas und das Geringste davon erfahren wir von ihm selbst. In seinem Lebensbericht "Posteritati/Lettera ai Posteri" finden wir über die Eltern lediglich dies: "Ich bin geboren von achtbaren Eltern, Florentinern, die in mittelmäßigen, offen gestanden fast ärmlichen Vermögensverhältnissen lebten und aus der Heimat verbannt waren, ()."

Der frühe Tod der Mutter, Eletta Cangiani/Canigiani (aus einer angesehen Familie, deren Nachkommen später von Raffael als "Sacra Famiglia" gemalt werden sollten) /19 wird im Lebensüberblick gar nicht erwähnt, der des Vaters (Pietro di Parenzo di Garzo - Notar am Hof des Papstes in Avignon) erscheint lediglich mit den Worten "sobald ich der Rücksichtnahme auf meine Eltern ledig war" als Grund für die Aufgabe des Jurastudiums in Bologna. Allerdings hatte Petrarca zum Tod der Mutter einen Panegyrikus in Latein von 38 Versen (für jedes Lebensjahr der Mutter einen) verfasst.

Mit dem einzigen Bruder Gherardo (geboren ) scheint Francesco Petrarca durchaus eng verbunden gewesen zu sein, immerhin wählte er ihn als Begleiter für seinen Ausflug auf den Mont Ventoux - wobei er ihn unterwegs eher abweisend behandelte und die beiden verschiedene Wege gingen. Gherardo trat als Petraccus in das Kartäuserkloster Montrieux ein. Dort überlebte er die Pestepidemie von als einziger von 30 Mönchen. Er begründete danach das Kloster neu. Drei Briefe Petrarcas aus den Jahren bezeugen den gedanklichen Austausch der Brüder (Fam. 10,). In seinem Testament bedachte Petrarca den Bruder sehr großzügig mit Golddukaten.

In einem dieser Brief an den Bruder erfahren wir auch etwas über die - sicherlich stilisierte und religiös überhöhte - Geringschätzung der Elternschaft durch Petrarca: "klar sollte sich erweisen, dass wir nicht den sterblichen Eltern, sondern dem ewigen Vater verdanken, was wir sind. Was bedeutet denn ein irdischer Vater ausser verächtlicher Same und was bedeutet eine Mutter ausser widerlicher Behausung?" (Fam. 10,5).

Petrarcas Sohn Giovanni wurde wohl geboren, er verstarb in Mailand an der Pest. Das Verhältnis von Vater und Sohn war hoch problematisch. Petrarca hat sich offensichtlich um den Sohn bemüht, wollte ihn auch für die Unterstützung der eigenen Arbeiten und Projekte heranziehen. Doch Giovanni verweigerte sich dem - wie auch Petrarca selbst sich ja den Plänen des eigenen Vaters verweigert hatte. Petrarca nannte den Sohn in Briefen an Freunde und auch an den Sohn selbst eitel, müßiggängerisch, vermessen und ziellos und entzog ihm die Unterstützung.

Die Tochter Francesca (von Petrarca auch als "Tullia" - mit Cicero-Bezug - angesprochen) wurde geboren und verstarb / Sie heiratet um Francescuolo da Brossano und hatte einen Sohn, Francesco, der geboren wurde, aber bereits in Pavia starb, was Petrarca zutiefst erschütterte, wie wir aus seinem Brief Sen. 10,4 erfahren. Er ließ dem Enkel eine opulente Grablege errichten, in welcher er nach eigenem Bekenntnis auch seine Zukunftshoffnungen zu Grabe trug. Eine Enkelin Eletta wurde wohl geboren. Die Quellenlage ist hierzu sehr ungewiss. Nach einer Variante starb sie sehr früh und Francesca gebar noch eine zweite Tochter, die auch Eletta genannt wurde, mit der Petrarca seine letzten Lebensjahre in Arquá verbrachte. Plausibler ist allerdings, dass es nur die geborene Eletta gab, die auch von Boccaccio sehr liebevoll in einem Brief von (Epistola XV) erwähnt wird als etwa fünfjährig.

Über die Mutter - oder Mütter - seiner Kinder erfahren wir von Petrarca nichts. Auch von anderer Seite sind hierzu keine Angaben überliefert.

Als Randnotiz sei noch vermerkt, dass in der Familie des literarisch bekannten Marquis de Sade anscheinend der Gedanke gehegt wurde, Petrarca könne Ahnherr ihrer Linie sein über ein reales Verhältnis mit Laura de Noves/de Sade, also als Vater von Hueges III. - der bald nach dem legendären Begegnungsdatum Ostern geboren wurde.



Dichterkrönung

Die Dichterkrönung Petrarcas war ein Akt von besonderer Bedeutung nicht nur für die Lebensgeschichte Petrarcas, sondern auch als Demonstration und Zeichen einer spezifischen gesellschaftlich-politischen Entwicklung der Zeit.

Formal stand diese Dichterkrönung in einer Traditionslinie, die vom antiken Konzept einer besonderen Bedeutung der Sprachkunst für die gesellschaftliche Identität ausging. In Griechenland gebührte der Lorbeerkranz dem Sieger in einem Dichterwettstreit. Der Brauch stand in enger Verbindung mit den sportlichen Wettstreiten, die heute mit "Olympia" verbunden werden. In Rom wurden vor allem rhetorische Talente gewürdigt. Darauf greift der Humanismus zurück, dessen" poetae laureati" ihrer politisch-gesellschaftlichen Bedeutung wegen gekürt wurden. August Buck spricht im "Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte", Kapitel "Der italienische Humanismus", davon, der Schriftsteller werde zu einem "gesellschaftlichen Leitbild" ausgeformt -  am antiken Ideal des Rhetors orientiert. Wer an die Rolle von etwa Heinrich Böll oder Günther Grass in der bundesrepublikanischen Gesellschaft denkt, erkennt die Fortwirkung dieses Ideals bis in die Gegenwart.

Individualgeschichtlich sieht Karl Enenkel die Dichterkrönung an der Schaltstelle einer besonderen Lebenskrise Petrarcas angesiedelt. Petrarca sei mit seiner Identitätskonstruktion als herausragender Poet, der sich mit Vergil vergleichen könne, gescheitert. Sein Epos "Africa" war noch unvollendet, ansonsten hatte Petrarca als Autor nicht viel vorzuweisen außer einem Konvolut von Gedichten, die er selbst nicht wirklich hochschätzte, waren sie doch vom Gegenstand her eher profan (Liebesleid und Naturschilderungen) und darüber hinaus im "Volgare", der Volkssprache Italienisch abgefasst. Mit der Dichterkrönung habe Petrarca versucht, so Enenkel, seine Ansprüche als Schriftsteller zu legitimieren.

Ganz offensichtlich hat Petrarca seine Dichterkrönung sehr bewußt inszeniert. In einem Brief an den Förderer Kardinal Giovanni Colonna vom 1. September berichtet er davon, zwei Angebote gleichzeitig erhalten zu haben, eines aus Rom, eines aus Paris. Vor dem Hintergrund, dass "Rom" letztlich "Neapel" bedeutete, und damit das Haus Anjou (Robert von Anjou war vom Papst auch als Regent Roms beauftragt), waren die Angebote sicherlich von den Sendern wie auch immer (etwa durch Zuflüsterer) koordiniert. Ob man Petrarca durch beide Angebote auf die "französische" Seite ziehen wollte oder ob die Konkurrenz zwischen französischem König und römischem Stadtadel dominierend war, muss dahingestellt bleiben. Der Kanzler der Universität von Paris, von dem der Pariser Ruf kam, war Florentiner. Faktisch hat Petrarca das Verfahren beim König von Neapel wohl selbst mit angestoßen, siehe etwa das Schreiben an Dionigi da Borgo San Sepolcro vom 4. Januar , in welchem er diesem zur Berufung an den Hof Roberts gratuliert und eine mögliche Dichterkrönung unverblümt strategisch anspricht.

Durch sein eigensinniges Beharren auf dem Krönungsort Rom - gegen Robert von Anjou - gelang es Petrarca, das Spiel in den eigenen Händen zu halten und sich der Gunst sowohl des Königs als auch der Colonna zu versichert. Dies konnte er umso leichter, als beide Seiten wohl auch versuchten, ihn für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Bei Robert von Anjou legte Petrarca zunächst eine dreitägige Krönungsprüfung ab, in Rom ließ er sich dann von Stefano Colonna zur Krönung rühmen.

Lektüreempfehlung 1: Peter Kuon, Ritual und Selbstinszenierung. Petrarcas Dichterkrönung, Salzburg o.J.
Lektürempfehlung 2: Albert Schirrmeister, Triumph des Dichters, Köln u.a.





Gründungsmythen moderner Subjektivität

Gelegentlich wird in der Forschung Petrarcas Brief über die Besteigung des Mont Ventoux als "Gründungsdokument" moderner Subjektivität genannt, mit Berufung auf Jacob Burckhardt, für den Petrarca nach diesem Zeugnis "einer der frühsten völlig modernen Menschen" war, so formuliert in "Die Kultur der Renaissance in Italien". Das Moderne in der Begegnung mit Naturschönheit war für den Renaissancekenner Burckhardt: "der Anblick der Natur traf ihn unmittelbar" - also nicht transportiert durch antike Vorbilder oder gefildert durch das Kategoriensystem der Scholastik. Petrarca sei zur ästhetischen Erfahrung fähig gewesen und trenne die Schönheit der Landschaft von ihrem Nutzen. Nun muss allerdings die Frage erlaubt sein, ob nicht auch Augustinus (und nebenbei auch die von diesem gemeinten "Menschen" - s.u.) schon dies tut, den Petrarca in seinem Brief zitiert mit dem Satz aus den "Confessiones" (Zehntes Buch, Kapitel ): "Und da gehen die Menschen hin und bewundern die Höhen der Berge, das mächtige Wogen des Meeres () - und verlassen dabei sich selbst." Und Augustus ist, geschult durch Aristoteles, dabei durchaus "moderner" als Petrarca, denn er fügt eine subtile Reflexion über das Gedächtnis an, die den schon bei Aristoteles ("Über die Seele"), später bei Thomas von Acquin (mit Berufung auf Aristoteles) und schließlich bei John Locke zu findenden Satz "nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu" variiert. Während Petrarca sich seltsam verhuscht seiner Lust am Naturerlebnis schämt.

Als weiteres Gründungsdokument moderner Subjektivität bietet sich der Canzoniere an mit seiner bürgerlich-sentimental anmutenden Konzeption von Erotik und Liebe. Lesen wir indes, was Augustinus in den Confessiones, im Vierten Buch, zu Ehe und Sexualität schreibt, so erscheint dies weit aufgeklärter und "moderner" als das, was wir von Petrarca kennen. "Ich hatte in diesen Jahren (Augustinus meint die Zeit vom neunzehnten bis zum achtundzwanzigsten Lebensjahr) geschlechtlichen Umgang mit einer einzigen, nicht in einer Ehe, die man gesetzmäßig nennt - die schweifende Brunst, der Besonnenheit bar, hatte sie aufgespürt -, immerhin nur mit der einen, auch ihr die Treue im Umgang wahrend; dabei sollte ich freilich aus eigener Erfahrung lernen, welch ein Unterschied sei zwischen dem Besonderen einer ehelichen Bindung, die man der Zeugung wegen eingeht, und einem Abkommen zu geschlechtlichem Liebestausch (pactum libidinosi amoris), dem Nachkommenschaft auch wider Wunsch und Wille entsproßt, obzwar sie, einmal geboren, sich doch Liebe zu verschaffen weiß."

Es soll hier nicht unhistorisch Petrarca gegen Augustinus oder umgekehrt ausgespielt werden. Ich wende mich lediglich gegen eine verschlichtende Vereinnahmung Petrarcas als "modernen Menschen". Eher plädiere ich dafür, unsere Moderne etwas bescheidener zu betrachten, nicht als Fortschrittsgipfel mit mehr oder weniger hohen Vorgebirgen, sondern als Phase in einer keineswegs linearen und einsinnig fortschrittsteleologischen Entwicklung mit Rückschritten und Ungleichzeitigkeiten.

Lektüreempfehlung: Jacques François Paul Aldonce de Sade, Nachrichten zu dem Leben des Franz Petrarca, (MDZ) (frz. Mémoires sur la vie de François Pétrarque, )



Zölibat und Selbstverwirklichung

Die Geschichte des Zölibats in der katholischen Kirche als konkrete Vorschrift an die Priesterschaft lässt sich durchaus auf Zeugnisse des neuen Testaments zurückführen - auch wenn es derzeit en vogue ist, mit Verweis auf die Nähe Maria Magdalenas zu Christus anderes zu behaupten. So verspricht Jesus nach Matthäus 19, "Jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Frau oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen verlassen hat, wird Hundertfältiges empfangen und ewiges Leben erben". Und in Lukas 18,29 ist sinngemäß das Gleiche zu lesen.

Vor Christus war Ehelosigkeit etwa als Forderung an jungfräuliche Priesterinnen bestimmter griechischer und römischer Gottheiten bekannt - dies lebt noch fort in der Symbolik der unbefleckten Empfängnis Mariens. Die orphische Tradition, die Pythagoras ausformulierte, sah Erlösung durch Askese vor. Im hinduistischen Ashrama-System gab es das Konzept der vierten Lebensstufe, des "Sannyasin", des Entsagenden, der sich - allerdings nach einer Phase des weltlich tätigen, auch familiären Lebens - zurückzieht zur Hingabe an das religiöse, der Welt entsagende Leben.

Im Kanon 33 des Konzils von Elvira heißt es um n. Chr.: "Über die Bischöfe und Altardiener, daß sie sich nämlich ihrer Ehefrauen enthalten: Man stimmt in dem vollkommenen Verbot überein, das für Bischöfe, Priester, Diakone, d.h. für alle Kleriker, die im Altardienst stehen, gilt, daß sie sich ihrer Ehefrauen enthalten und keine Kinder zeugen; wer aber solches getan hat, soll aus dem Klerikerstand ausgeschlossen werden." Es bedurfte also nicht der gerne bemühten Einflussnahme des Kirchenvaters Augustinus, um diese Traditionslinie aufrecht zu erhalten.

Augustinus hat allerdings dazu beigetragen, das Zölibat mit der - modern gesprochen - Dimension von "Selbstverwirklichung" auszustatten, die wir bei Petrarca ganz deutlich finden. So schreibt Augustinus in jener von Petrarca im Mont-Ventoux-Brief zitierten Passage vom Naturpreis: "Et eunt homines mirari alta montium et ingentes fluctus maris et latissimos lapsus fluminum et Oceani ambitum et gyros siderum, et relinquunt se ipsos nec mirantur" (Confessiones, Liber decimus, 8,15). Dies wird auch ausgeführt in der Rede des Augustinus zum "inneren Menschen", der Seele (Confessiones, Liber decimus, 6,9).

Petrarca bemüht sich dann nicht mehr, das antik fundierte (und darin von unserem modernen, christlich modifizierten, abweichende) Selbstverwirklichungskonzept mit religiösen Motiven zu begründen - in eklatantem Widerspruch zu seinen häufig vorgetragenen religiösen Bekenntnissen. Seine "Vita solitaria" soll dem "inneren Menschen" im Sinne des eigenen Wohlbefinden dienen, ist nicht essentiell auf eine transzendentale Verpflichtung oder transzendente Erfüllung (von letzterer spricht nur der Canzoniere bisweilen) bezogen.

Noch weiter geht die Formulierung des zölibatären Ideals im modernen Verständnis von Selbstverwirklichung (das erst in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts dauerhaft um die Dimension der Sexualität angereichert wird) dann bei August Wilhelm Schlegel /04, der in seiner Vorlesung über die "Geschichte der romantischen Literatur" vom "Roman" hinter dem Canzoniere spricht, der das Wesentliche einer Existenz zum Vorschein bringe. Er lobt Petrarca dafür, dass er "Laura's Ehegemahl, ihre Wochenbetten, ihre 14 Kinder" aus dem Canzoniere herausgehalten habe: "Wozu die störenden prosaischen Umgebungen?"





Drei gute Gründe für die Renaissance

Dante Alighieri (), Francesco Petrarca () und Giovanni Boccacio () werden häufig als florentinisches Dreigestirn ("Tre corone fiorentine") der italienischen Literatur bezeichnet, das im "Trecento", dem vierzehnten Jahrhundert, für die Literatur gemeinsam den Weg in die Renaissance bahnte. Dante, der als Prosaist und Lyriker den Auftakt spielte, Petrarca, der als Lyriker die Arbeit weiter trieb, Boccaccio als großer Erzähler. Ein heuristisch durchaus brauchbares Modell, das ich hier gerne übernehme, um drei zentrale Themen der Renaissance zu verhandeln: Die Etablierung des Bürgertums als dritter Kraft zwischen Kirche und Feudalmacht, die Entfaltung bürgerlicher Subjektivität und die Zuwendung der Kunst zur Alltagswelt.

Die Macht des Bürgertums zeigte sich daran, wie in den norditalienischen Stadtstaaten Händler- und Bankiersfamilien zunehmend auch die politischen Geschicke bestimmten (Parallelen im deutschsprachigen Raum zeigt die Familie Fugger). Selbstbewußt errichteten sie ihre Palazzi und Geschlechtertürme neben die Anwesen alter Adelsfamilien - wobei die Grenzen zwischen den beiden Gruppen schon früh zu fließen begannen, da zum einen alte Adelsfamilien sich an der Gründung von Handelsunternehmen und Banken beteiligten, zum anderen die "neuen Reichen" Ländereien erwarben und bemüht waren, zügig die eigene Abkunft unüberprüfbar auf mythische Könige zurückzuführen. Zudem wurden etliche Mitglieder reicher Familien der ersten Jahrtausendwende für ihre Mitwirkung an einem der ersten beiden Kreuzzüge geadelt.

Dante Alighieri und Francesco Petrarca gerieten selbst in die politischen Querelen der Zeit, Dante als Mitglied einflußreicher Familien insbesondere in den Konflikt zwischen Ghibellinen und Guelfen, der Florenz, Arezzo und Pisa erschütterte, Petrarca als intellektueller Vertrauter einflußreicher Familien in den Konflikt um den Sitz des Papsttumes in Rom oder Avignon. Boccaccio verkörpert dann bereits einen neuen Typus eher ungebundener Intellektualität, die Dienstleistungen gegen Entlohnung anbot, nicht mehr Loyalität gegen Pfründen. Das "Dreigestirn" war im übrigen auch über persönliche Beziehungen verbunden. Der kleine Petrarca lernte den mehr als eine Generation älteren Dante im Hausstand seiner Eltern in Florenz kennen, Boccaccio und Petrarca waren miteinander befreundet. Damit stehen letztere auch für einen neuen Typus von Beziehungen, der familiäre, wirtschaftliche und politische Verbindungen erweiterte um die Dimension der persönlich-intellektuellen Beziehung.

Dieser Beziehungstypus ist verbunden mit der Entfaltung bürgerlicher Subjektivität vor dem Hintergrund politischer, wirtschaftlicher und religiöser Souveränität. Waren vordem transpersonale Zusammenhänge konstitutiv für das Selbstbild, so treten nun im nördlichen Italien mit dem Trecento individuelle Eigenschaften, Erfahrungen, Wahrnehmung, Reflexionen und Befindlichkeiten in den Vordergrund. Den Abgesang der alten Beziehungsgeflechte stimmt Dantes "Divina Comedia" an, heftige Kritik an kirchlichen und feudalen Missständen verbinden sich mit Beschwörungen einer Rekonstitution dieser Geflechte. In seiner "Vita nuova" zeigen sich dann aber schon deutlich die Grundzüge des neuen Beziehungsmusters, Individualität und Offenheit - damit aber auch Risiko und Scheitern. Diese machen bei Petrarca den eigentlichen Gehalt des "Canzoniere" aus, die imaginär entfaltete Beziehung zu Laura ist nur ermöglichender Entfaltungsrahmen und forttreibender Katalysator für diesen Gehalt. Boccaccio gestaltet, geprägt auch durch die Pestwelle der Jahre ff, vor allem die Kraft der Subjektivität, das nun über eine entbundene Menschlichkeit hereinbrechende Schicksal selbstbestimmt zu meistern.

Die "Divina Commedia" Dantes ist bei Boccaccio zur "Comédie humaine" geworden, wie es bei Balzac dann fünfhundert Jahre später, in einer anderen Blütezeit des Bürgertums, heißt. So markiert Boccaccio entschiedener als Dante und Petrarca die dritte Dimension der Renaissance, die ich eingangs genannt habe, die Zuwendung der Kunst zur Alltagswelt. Die Helden seines "Decamerone" entfalten einen Kosmos menschlicher Geschichten, Irrtümer und Wahrheiten, der in seiner Fülle die mittelalterliche Ordo aufhebt und ersetzt, ohne sie zu desavouieren. Es hebt an die große Erzählung der bürgerlichen Subjektivität als Weltaneignung.



Im Zeitalter des Lichtes - nach mittelalterlicher Dunkelheit


Petrarca hat wesentlich dazu beigetragen, das Bild vom "finsteren Mittelalter" zu prägen und in der Kulturgeschichte zu verankern. So schreibt er von den "tenebrae" der Zeit nach dem Niedergang der Antike, wenn er in einem Brief an Agapito Colonna begründet, warum er in seiner Biographiensammlung berühmter Männer ("De viris illustribus") die nachrömische Zeit nicht berücksichtige.

Aus Anlass seines zweiten Besuches in Rom (der erste fand statt) formuliert Petrarca in einem Brief an Giovanni Colonna (Fam. 6,2) die vielfach - und zumeist unvollständig und nicht immer korrekt - zitierte Ausführung zu den "alten" und den "neuen" Zeiten:

"Viel war von Gegenständen der Geschichte die Rede, und wir hielten für richtig, sie unter uns aufzuteilen, und zwar gemäss dem Umstand, dass Dir wohl besser die neuen und mir wohl besser die antiken bekannt sind ("ut in novis tu, in antiquis ego viderer expertior"). Und als antik sollte man alles aus der Zeit vor der Verbreitung des Christentums in Rom und vor seiner Verehrung durch die römischen Herrscher, als neu dagegen alles seit damals bis auf die heutigen Tage betrachten."

Bezogen auf das literarische Schaffen unterscheidet Petrarca zwischen dem sinnlich-feudalen Minnesang (gleichsam personifiziert in "den Arabern" - Brief an Giovanni Dondi vom ) und dem intellektuell-bürgerlichen "dolce stil nuovo", wie er von der sizilianischen Dichterschule und Dante Alighieri entwickelt wurde. Vorbildhaft wirkte insbesondere Dantes Gestaltung der Beziehung zu "Beatrice" in der "Vita Nova" () - wohinter Dantes Begegnungen mit Beatrice Portinari () stehen. Stärker noch als Dante löst Petrarca sich von der Traditionslinie des Minnesangs (wie er ihn verstand - als Gegenbild zum "dolce stil nuovo", meines Erachtens zu Unrecht) und vertieft den "dolce stil nuovo" psychologisch.

Überlieferte Liebeslyrik, Neuplatonismus und die Wiederbelebung einer idealisierten Antike verbinden sich bei Petrarca in der Gestalt seiner "Laura", deren "goldenen Haare" im Canzoniere zum Inbegriff einer verborgenen Gestalt der Wirklichkeit wurden. Dass "Laura" nicht nur Frauenname ist, sondern auch - feminisierter - lateinischer Name des Lorbeerbaumes, verweist uns darüber hinaus in den Kontext einer Mythologie, die das Bemühen um einen ganzheitlichen Lebensentwurf feiert, der ländliches und städtisches Leben, Erotik und Intellektualität, Muße und sinnvolle Beschäftigung zusammenführt. Denn der Lorbeerbaum heißt im Griechischen "daphne", seinen Namen trägt die Priesterin der Erdmutter, eine Bergnymphe, die unglückliche Liebe Apollos.

Die Aufklärung des Jahrhunderts, das "Siècle des lumières", verdankt Petrarca daher neben der erneuerten platonischen Lichtmetaphorik zugleich die Verbindung von Lichtmetaphysik, Erotik und Psychologie sowie Ansätze zu einer neuen Ethik von Arbeit und Freizeit, die den feudalen Müßiggang ebenso meidet wie das bürgerliche Konkurrenzgeracker. Soviel auch zu einer möglichen Aktualität Petrarcas im Jahrhundert - im Zeichen der Aufklärung.

Das Petrarcasche Schema kehrt in gewandelter Form häufig zur Einordnung des Petrarcaschen Schaffens selbst, insbesondere seines Canzoniere, wieder. So stellen etwa der Kulturhistoriker Hans Blumenberg und der Romanist Karlheinz Stierle im Blick auf Petrarca mittelalterliche Innerlichkeit und renaissancehafte Zuwendung zur Welt einander gegenüber. Dem ist zumindest einschränkend entgegen zu halten, dass Petrarcas "Weltlichkeit" gerade in einer Behauptung von Innerlichkeit bestand.

In der Forschung wurde in den vergangenen Jahrzehnten das Mittelalter erheblich rehabilitiert, sein Ruf aufgewertet. Auch verliert die tradierte Trennlinie zwischen Mittelalter und Neuzeit zunehmend an Schärfe.

Lektüreempfehlung: Theodor Mommsen, Der Begriff des 'Finsteren Zeitalters' bei Petrarca, / (in: August Buck, Zu Begriff und Problem der Renaissance, , S. )





Die Inquisition im und Jahrhundert

Es verträgt sich nicht gut mit unserem Bild von der Zeit des Humanismus und der Frührenaissance. Doch wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass die Inquisiton zu Lebzeiten Petrarcas eine bedeutende Rolle spielte. Sie war Anfang des Jahrhunderts entwickelt worden als amtskirchliche Reaktion auf die Entstehung zahlreicher von der offiziellen Lehre abweichender Laien- und Mönchsgruppierungen. Besonders durch die Katharer, aber auch durch joachimitische Gruppen und Strömungen im Franziskanertum sah sich die Amtskirche gefährdet.

Zwei Jahre vor Petrarcas Geburt wurde die joachimitische Gruppe der Apostelbrüder im Piemont ausgelöscht. wurden in Paris auf Betreiben von Philipp IV., dem "Schönen", der gnostische Templerorden der Ketzerei angeklagt und in der Folge ausgelöscht (es ging dabei, wie später bei der Verlegung des Papstsitzes nach Avignon, primär um Geld, nicht um Religion) - und wurde gleichfalls in Paris die wichtige Inspiratorin der Beginen-Bewegung, Marguerite Porète, verbrannt. starben in Marseilles vier joachimitische Franziskaner als Häretiker. wurde Cecco d'Ascoli in Florenz wegen Ketzerei verbrannt. Er war Freidenker und hat unter anderem Dantes "Divina Comedia" als religiöse Phantasterei kritisiert. Petrarca widmete ihm ein Sonett der Jugendzeit, das beginnt mit: "Tu sei 'l grande Ascolan che 'l mondo allumi/Per grazia de l'altissimo tuo ingegno". Petrarcas eigene kritische Haltung zu Dante ist bekannt (s. Briefwechsel mit Boccaccio). Clemens VI., dessen Hofhaltung Petrarca als unmoralisch und verschwenderisch kritisierte, beauftragte Franziskaner mit der Inquisition und beklagte sich darüber, dass diese oft selbst den Irrtümern der Untersuchten erlegen seien (Odericus Raynaldus, Annal. eccl. ). Petrarcas Freund Cola di Rienzo wurde unter Clemens VI. der Ketzerei bezichtigt und entging dem Verfahren möglicherweise nur durch den Tod von Papst Clemens.

Es gibt starke Argumente dafür, dass Petrarca einen wichtigen Impuls für seine Arbeit am Canzoniere aus einer kritisch betroffenen Distanz zur Inquisition schöpfte. Damit wäre beispielsweise die Stellung der Babylonischen Sonette im "Canzoniere" gut zu begründen: Als Negativfolie zu einer letztlich häretischen Liebeskonzeption des Autors selbst. Denn die Liebeskonzeption des "Canzoniere" hat auffallende Parallelen in der - kirchlicherseits verdammten - Liebeskonzeption der Marguerite Porète, wenngleich es auch erhebliche Differenzen, etwa im gesteigerten Leidensgestus Petrarcas und in der immer wieder aufscheinenden sinnlichen, auf eine konkrete Frau gerichteten Komponente, gibt. Keinesfalls also ließe sich das Petrarcasche Programm mit dem Porèteschen schlicht in Deckung bringen, das so lautete: "Spiegel der einfachen, vernichteten Seelen, die nur im Wollen und Verlangen der Liebe verweilen" (Titel ihres Hauptwerkes).

Die andere Seite der Inquisition waren die zahlreichen Sondergruppen, chiliastischen Bewegungen, sektenartigen Orden, die sich um vermehrt im mönchischen Umfeld (möglicherweise auch im späteren Kloster von Petrarcas Bruder, einem Kartäuserkloster) formierten. Sie wiederum waren zu einem Teil in Reaktion auf die Verweltlichung der Amtskirche, auf Prunkentfaltung und politische Ambitionen bei der Kurie entstanden. Es war ein schmaler Grad, der amtskirchlich geduldete Reformbewegungen wie die Franziskaner von Gruppierungen (auch im franziskanischen Umfeld selbst) schied, die als häretisch eingestuft wurden. Auch in der Lehre einzelner Personen wurde fein geschieden zwischen dem, was sie sagen, schreiben und lehren durften, und dem, was sie bei Androhung des Todes zu unterlassen hatten - das galt in besonderem Maße für den (noch nicht heiligen) Franziskus von Assisi und seine Nachfolger.

Lektüreempfehlung: George Steiner, Meine ungeschriebenen Bücher, (zuerst engl. ) - darin das Kapitel "Invidia"



Petrarca als Prophet

Marjorie Boyle nimmt in ihrer Arbeit zu Petrarcas "Genius" dessen gelegentliche Selbstdarstellung als "Prophet" wörtlich. Sie sieht bereits in der Klage Petrarcas, wegen seiner Laura-Liebe verspottet und zum "Stadtgespräch" geworden zu sein, einen Hinweis darauf, dass Petrarca sich mit den alttestamentarischen Propheten in eine Traditionslinie habe stellen wollen. Dazu verweist sie unter anderem auf Psalm "Ich verwandelte mein Kleid in einen Busssack und wurde ihnen zum Gespött".

Auf unterschiedlichsten Ebenen sieht die Autorin das Prophetenamt Petrarcas begründet. Zum einen in seinem dichterischen Selbstverständnis, das sich immer wieder auf Apollon bezieht, den Herrn des Orakels von Delphi und Gott der Dichtkunst. In ihm sah Petrarca seinen eigenen Genius begründet. Ihn verband er an verschiedenen Stellen mit Jesus Christus. Der "poetic laurel" (S. 18) weise, so Boyle, den direkten Weg zum Himmel. In "Secretum meum" lässt Petrarca den Augustinus sagen: "Du musst die ausgetretenen Wege verlassen und nach Höherem strebend dich auf Pfaden bewegen, die nur von sehr wenigen begangen worden sind" (S. f) - Boyle sieht darin die Aufforderung zur poetisch-prophetischen Existenz, wie Petrarca sie bei seiner Dichterkrönung für sich reklamiert habe.

Diese Existenz wollte Petrarca, so führt Boyle weiter aus, in den Dienst des Vaterlandes stellen, diesem eine gelingende Zukunft prophezeien - im Sinne von: den Weg dahin weisen. Dies ist der Sinn etwa von "Africa", aber auch der Briefe an das römische Volk. Petrarca habe sich dabei auf Vergil berufen, den er als mit zauberischen Kräften begabt ansah. Kräfte, die Petrarca auch für sich reklamierte, die Kraft, auf mächtige Männer durch seine Worte einzuwirken und diese zu großen Taten zu bewegen - wie Boyle unter dem Kapiteltitel "The Sylvan Citizen" ausführt. Faktisch ist Petrarca damit gescheitert, Cola di Rienzo wurde zwar zum Volkstribun, doch glücklos. Und bei Karl IV. versagten die "Zaubersprüche" Petrarcas vollständig.

Die Kehrseite dieser ermunternden, anleitenden, wegweisenden Prophezeihung ist die Mahnung, sind die Drohungen des Untergangs, wie Petrarca sie in den "Babylonischen Sonetten" dem "unrömischen" Avignon vorhält. Damit zugleich im zeitlos überhöhten Bild der "Hure Babylon" auch eine Mahnung an Rom, die Römer, an Italien insgesamt aussprechend.

Ganz deutlich stellt sich Petrarca in die Traditionslinie des Dichter-Sehers, wenn er in "Africa", Buch 9, Homer als blinden Seher auftreten lässt, der Ennius, dem Dichter-Freund Scipios, Petrarca "beschreibt" und prophezeit. Also Petrarca entwirft in einem historischen Epos eine Vision des Ennius (die dieser Scipio berichtet), innerhalb derer Homer auftritt, der wiederum dem Ennius das künftige Erscheinen Petrarcas (im "letzten Zeitalter") vorhersagt. Dieser ("Francisco") werde Scipio in der Zukunft preisen und das alte Rom wieder (zumindest poetisch) aufrichten.

Lektüreempfehlung: Marjorie O'Rourke Boyle, Petrach's Genius. Pentimento and Prophecy, Berkeley





Petrarkismus